Institut für Gesundheit, Sicherheit und Ergonomie im Betrieb

Gefährdungsbeurteilung Psyche: Emotionen bei der Bewertung von Ergebnissen






Dieser Text ist ein Auszug aus Kapitel 11 von M. Molnar (2018): „Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung – aus der Praxis für die Praxis: Fahrpläne, Stolpersteine und Erfolgsfaktoren.“ Roland Asanger Verlag GmbH.






Die emotionale Bewertung von Ergebnissen


Die Daten, die aus der GpB entstehen, sind auch mit Hoffnungen oder Befürchtungen verbunden. Die einen fühlen sich durch bestimmte Ergebnisse bestätigt, die anderen sind enttäuscht, weil sie sich etwas ganz anderes erwartet haben (z. B.: Es ist nicht so schlimm, wie wir dachten. Es ist viel schlimmer, als wir dachten. Es zeigen sich Gefährdungen in anderen Themen oder Bereichen, als wir dachten.)

Insbesondere bei Befragungen liefern die Daten vielfältige Möglichkeiten, sich nicht mit inhaltlichen Aussagen und Schlussfolgerungen zu befassen, sondern sich in allerlei Details und Nebenaspekte zu vertiefen, die letztlich ein nachhaltiges Tun verhindern. Das zeigt sich meiner Beobachtung nach in folgenden Schwierigkeiten rund um die gewonnenen Daten:

  • Die gewonnen Daten haben keine Aussagekraft, liefern aber viel Spekulationspotential: Eine fundierte Diagnose ist überhaupt nur dann zu erwarten, wenn ein nach testtheoretischen Standards erzeugtes Instrument entsprechend kundig eingesetzt wird. Alle anderen Herangehensweisen liefern keine seriöse Information. Dennoch gibt es auch und gerade bei Verwendung von „hausgemachten“ Erhebungsinstrumenten viel Spielraum für zahlreiche Deutungen, was die Ergebnisse besagen sollen.

  • Abwege von der empfohlenen Interpretation: Für fachlich fundierte Verfahren gibt es Vorgaben zur Interpretation der Ergebnisse. Das hindert aber durchaus nicht daran, trotzdem ganz andere Interpretationen zu präferieren. Als Fachperson kommt man dann mitunter in die bizarre Situation, dass die in einem Verfahren festgelegten Interpretationsformen sozusagen als bloße „Meinung“ abgetan werden, zu der man auch eine ganz andere Meinung haben kann.

  • Die Daten bzw. Ergebnisse werden bezweifelt oder umgedeutet: In Ergebnispräsentationen gibt es immer wieder Debatten darüber, ob die Ergebnisse glaubwürdig sind. Üblicherweise wird diese Diskussion von Personen gestartet, die Motive dafür haben, sich ein anderes Ergebnis zu wünschen. Es werden dabei eine Reihe von Argumenten angeführt: Die gestellten Fragen waren nicht passend, die gestellten Fragen wurden falsch verstanden, die Beteiligungsquote bestimmter Gruppen hat das Ergebnis verfälscht, die statistische Verrechnung der Daten ist nicht nachvollziehbar, die zum Vergleich verwendeten Normwerte sind ungeeignet (Zitat einer Kollegin aus einem Unternehmen „wir sind unvergleichlich“). Mit anderen Worten: „Weil, so schließt er messerscharf, nicht sein kann, was nicht sein darf“ (Christian Morgenstern).

  • Es werden (zu) viele detaillierte Sub-Auswertungen durchgeführt: Eine erste Ergebnisübersicht kann lediglich anzeigen, in welchen Bereichen und bei welchen Merkmalen mehr oder weniger kritische Ergebnisse sichtbar werden. Konkret werden die dort vorliegenden kritischen Bedingungen erst dann, wenn es vertiefende Ursachen-Analysen in diesen Bereichen gibt. Manche Unternehmen meinen allerdings, dass sie den aufgezeigten roten Faden durch zahlreiche Nebenauswertungen bis ins kleinste Detail zerlegen müssen. Solche Auswertungen, die auf atomares Niveau heruntergebrochen werden, führen dann zu einer Flut von Detailinformationen, die den Blick auf das Wesentliche verstellen.

Hier finden Sie das Buch auf der Webseite der Roland Asanger Verlag GmbH.